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Zukunftsforscher Erik Händeler spricht in Regensburg über Wandel, Glauben und neue Formen von Zusammenarbeit

Regensburg – Die Kirche geht unter – zumindest so, wie wir sie bisher kannten. Mit dieser provokanten Feststellung eröffnete Zukunftsforscher und Wirtschaftsjournalist Erik Händeler seinen Vortrag am 19.11.2025 in den Bischofshof Braustuben. Doch wer Untergang erwartet hatte, wurde überrascht: Händeler zeichnete das Bild einer Kirche, die sich – wie schon so oft in ihrer Geschichte – unter dem Druck technischer Umbrüche wandelt und am Ende sogar gestärkt hervorgeht.

Neue Fragen brechen auf

Händeler spannte einen weiten historischen Bogen: Immer dann, wenn eine neue Grundtechnik die Gesellschaft „neu formatiert“ – ob Dampfmaschine, Industrie oder Computer –, verändern sich die Art der Produktion, die Organisation von Arbeit und die sozialen Strukturen. „Kirche ist immer Teil ihrer Zeit“, betonte er. Verändern sich Arbeitsprozesse und Machtverhältnisse, geraten auch kirchliche Organisationsformen ins Wanken. Gewohnte Antworten wirken plötzlich unzureichend, neue Fragen brechen auf. „Bis sich eine Gesellschaft auf höherem Ressourcenniveau stabilisiert hat, bröckelt vieles – auch das Glaubensgebäude.“ Doch am Ende entstehe eine qualitativ stärkere, wirkmächtigere Kirche.

Der Übergang zur Wissensgesellschaft

Besonders eindrücklich schilderte Händeler den Übergang in eine Wissensgesellschaft: Maschinen übernehmen Tätigkeiten aus der materiellen Welt, Computer strukturieren Informationen – doch die Arbeit verschwindet nicht. „Arbeit am Menschen und Arbeit mit Wissen zwischen Menschen“ werde zum zentralen Produktionsfaktor der Zukunft. Organisieren, beraten, Probleme durchdenken – diese Tätigkeiten spielten sich zunehmend in der „gedachten Welt“ ab. Da kein Mensch die Wissensfülle allein überblicken könne, wachse die Abhängigkeit voneinander. Erfolgreiche Kooperation werde zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – und damit auch kulturelle Prägung und ethisches Verhalten.

Christliche Ethik nicht nur religiös wünschenswert, sondern auch wirtschaftlich notwendig

Hier schlug Händeler eine überraschende Brücke zum Evangelium: Das Muster erfolgreicher Wissensarbeit entspreche in zentralen Punkten christlicher Ethik. „Zusammenarbeiten, auch wenn man gestritten hat. Wahrhaftigkeit statt Egoismus. Sich zurückzunehmen, wenn andere gerade mehr Kompetenz haben.“ Solche Haltungen seien heute wirtschaftlich notwendig, nicht nur religiös wünschenswert. Nie zuvor seien Menschen so existenziell gefordert gewesen, ihr Gewissen zu prüfen und über das eigene Interesse hinauszudenken.

Näher an die ursprüngliche Botschaft des Evangeliums herankommen

Damit, so Händeler, rückten die Grundgedanken des Evangeliums nach 2000 Jahren Kirchengeschichte plötzlich mitten in die gesellschaftliche Veränderung – ausgerechnet in einer Zeit, in der viele die Kirche als Institution schwächeln sehen. Der Zukunftsforscher warnte jedoch davor, am Alten festzuhalten: Der Strukturwandel werde auch die Kirche selbst verändern müssen. Eine synodale Kirche, die Gläubige stärker einbezieht und Verantwortung verteilt, entspreche der neuen Logik der Wissensarbeit – und komme zugleich näher an die ursprüngliche Botschaft des Evangeliums heran.

Der Vortrag schloss mit der Hoffnung, dass Kirche und Gesellschaft gemeinsam lernen könnten, die Herausforderungen einer komplexen Welt zu meistern. Nicht durch starre Strukturen, sondern durch Vertrauen, Kooperation und eine Ethik, die Menschen miteinander verbindet.

Text: Johannes Thöne

Fotos: Manfred Fürnrohr